Seit vier Monaten bin ich zu Hause, und was ich niemals gedacht hätte: es geht mir nicht nur gut, sondern ich könnte mir auch vorstellen, noch eine ganze Weile so zu leben. Ich geniesse es, morgens nach dem Frühstück noch eine halbe Stunde in Ruhe meinen Tee zu trinken und Zeitung zu lesen oder ein bisschen Sudoku zu knacken (ich werde immer besser) und generell den Tagruhig zu nehmen. Zeit zu haben ist ein Luxus, den ich auskoste. Auch ohne Alena, die im April gerade mal einen Tag hier war und sich ansonsten um ihren eigenen Kram kümmert und Ferien macht. Ok, Putzen ist nicht meine Leidenschaft. Es ist anstrengend und lästig. Nichtsdestotrotz war ich am Mittwoch ungeheuer stolz auf mich, dass ich den Küchenfussboden, in den sich über die Zeit ziemlich viel Dreck festgefressen hatte, mit Hilfe einer Mischung aus Allzweckreiniger und Putzstein so sauber bekommen habe, dass er jetzt fast wie neu aussieht. Überhaupt artet Putzen bei mir sehr schnell aus. Wenn ich schon den Glasreiniger in der Hand habe, könnte ich doch auch gleich die Fenster… und mit dem Putzstein lässt sich sicher auch der Backofen… und oben auf den Schränken hat sicher auch noch nie jemand... (was sich als wahre Annahme herausstellte). Somit komme ich statt auf gute zwei Stunden, in denen sich das Gröbste erledigen liesse, locker auf fünf Stunden. Dabei vertiefe ich mich in so Sachen wie „Fernbedienung für den DVD-Player mit Glasreiniger und Wattestäbchen putzen“ und „hinterste Badezimmerecke, da, wo nach dem Duschen immer das Wasser hinkommt, mit Entkalker bearbeiten“. Nun ja. Man kann auch so seine Zeit verbringen. Jedenfalls kann mir niemand vorwerfen, ich sei nicht gründlich.
Nebenher hatte und habe ich für diverse Lesungen viel vorzubereiten und etliche Termine, die ich wahrnehmen durfte, ausserdem arbeite ich zwischendurch immer wieder am Romanmanuskript meines Autors.
Für diejenigen, die sich nicht vorstellen können, was ich bei so einem Lektorat mache, hier ein Auszug aus dem Originaltext (nichts gefälscht, nichts hinzuerfunden, sämtliche Fehler und Formulierungen sind mit Copy-Paste übernommen!) und darunter das, was ich in langer, mühseliger Feinarbeit daraus mache. Wohlgemerkt reden wir von 250 Seiten Manuskript!
Auszug Originalmanuskript:
Der Vater starrte während dem Abladen, die ganze Zeit zu dem kleinen Wall hin und liess diesen Ort nicht mehr aus dem Auge. Sein Sohn Harur und die anderen in seiner Gruppe bereiteten die Wagen für die kommenden Tauschgeschäfte vor. Danach merkten auch sie, dass etwas nicht stimmte: Niemand aus dem Dorf empfing sie. Es war ruhig, - einfach zu ruhig. Und als der alte Mann näher die Wall betrachtete, sah er, dass zwar alle Baumstämmen noch gleichermassen im Boden eingegraben waren, also nichts Ungewöhnliches. Jedoch zeigte sich noch niemand an der vor ihnen offen stehenden Tor.
Der Vater stand da und überlegte: „Mein Sohn, hm, normalerweise empfangt man uns etwas erfreulicher ...“
Ein anderer Fahrer, der ungefähr in seinem Alter war kam zu ihm heran gelaufen. Auch er sah, dass etwas mit dem Dorf nicht stimmte.
„Wo sind sie denn alle geblieben?“
Diese Frage konnte der Vater nicht beantworten.
„Bleibt hier, ich werde mal nachsehen ...!“ sagte er und sah seinen Sohn mit kurzen Blicken an. „Löst die Pferde Freunde, etwas scheint hier nicht mit rechten Dingen zugehen oder etwas ist hier geschehen?“ beendete er die zweite Hälfte des Satzes mit einem flüstern.
Der Mann rannte zu seinem Wagen nach hinten und gab den Befehl an die anderen weiter. Danach holte er vorsichtshalber einen Bogen und den Köcher mit den Pfeilen hervor. Harur sah seinem Vater nach, der sich mutig getraute auf dieses so ruhige Dorf heranzutreten.
„Onuma, warte ich gehe mit, sagte der hintere Fahrer und rannte etwas schneller auf den Vater zu. Auch die anderen holten ihre Waffen hervor. Beil und Schwerter wurden gezogen und einige Bogen bespannte man. Es war eine merkwürdige ruhige Stille in diesem Tal. Onuma richtete seinen Blick schnell zu dem Mann und nickte. Dann wartete er eine Weile und ging gemeinsam mit diesem Mann zum Dorf.
Die anderen wurden zurückgelassen. Es wurde still und man war gespannt darauf, was die beiden wohl entdecken würden. Ihre Blicke folgten teilnahmslos hinter den Beiden her wie sie auf das offene Tor des Walles, den etwa dreihundert Meter vor ihnen zuliefen. Jedenfalls hörten sie auf ihre Wagen für den Tauschhandel vorzubereiten. Mit schweren langsamen Schritten kamen sie schliesslich bis auf gut zehn Meter nahe dem Tor und blieben stehen. Als sie sahen, dass sich das Tor durch die Winde, das immer noch mit vereinzelten Schneeflocken getränkt war, hin und her bewegte, zog auch der Vater sein Schwert während sich der andere einen Pfeil in den Bogen spannte. Sie sahen sich beide an und danach schauten sie zu der sich durch die kalten heftigen Lüfte bewegenden zwei Meter hohen Tor. Das Holz knarrte etwas.
„Aron, es scheint niemand da zu sein, um dieses Tor zu verankern. Und ich höre keine Stimme, - gar nichts!“ sagte Onuma. „Etwas ist hier geschehen, denn normal ist das keineswegs!“
Aron nickte: „Es ist so still hier!“
Nach meinem Lektorat liest sich das dann so:
Der Vater liess während des Abladens den Eingang zum Dorf nicht aus den Augen. Doch etwas stimmte hier nicht. Das Tor stand offen, aber niemand aus dem Dorf kam, um sie zu empfangen. Es war ruhig - zu ruhig.
Einer der anderen Fahrer ging zu Harurs Vater. „Wo sind sie denn alle geblieben?“
Der Angesprochene zuckte mit den Schultern. „Bleibt hier, ich werde nachsehen“, sagte er. „Bindet die Pferde los, Freunde, etwas scheint hier nicht mit rechten Dingen zuzugehen.“
Der andere Mann lief nach hinten zu seinem Wagen, gab den anderen Bescheid und holte vorsichtshalber seinen Bogen und den Köcher mit den Pfeilen hervor. „Onuma, ich gehe mit!“, rief er und rannte ebenfalls auf das Tor zu. Onuma nickte und wartete. Gemeinsam gingen die beiden Männer weiter. Der Wind bewegte das Tor, und das Holz knarrte leise. Onuma zog sein Schwert, während der andere einen Pfeil auf die Sehne des Bogens spannte. Sie sahen sich an.
„Aron, das Tor war nicht verankert. Und ich höre keine Stimmen, gar nichts“, sagte Onuma. Aron nickte: „Es ist so still hier!“
Und nun denkt bitte nie wieder, dass Autoren und Autorinnen druckfertige Bücher schreiben!